Von der Kunst, die Menschen zu berühren
Von Sabine Reber
Wie kann man lernen, Menschen professionell zu berühren, sodass es für beide angenehm ist? Sodass die Kundin durch mein Coaching etwas lernt und ich zugleich jederzeit ihre Grenzen respektiere?
Menschen berühren lernen – das war für mich in der CANTIENICA®-Ausbildung eine völlig neue Herausforderung. Ich bin grundsätzlich ein eher körperlicher Mensch, ich umarme meine Freunde, ich fasse auch mal jemanden am Arm, wenn ich etwas Vertrautes erzähle. Aber im Training Menschen berühren, die ich kaum kenne, das ist etwas anderes.
Ich sah dieser Aufgabe durchaus mit Bange entgegen. Kann ich das überhaupt? Will ich das? Wie viel Nähe wird für mich stimmig sein? Ich wusste es nicht. Beim Coaching betrat ich Neuland.
Im Handbuch steht einiges darüber. Ich hatte zu Hause versucht, mir entsprechende Situationen vorzustellen. Aber wie geht das genau, eine Person professionell zu berühren? Worauf muss ich dabei achten? Und wie wird das sein, wenn ich vor einer Klasse stehe? Wie werde ich wissen, welche Kundin ich berühren darf? Wie erkenne ich, ob mein Coaching willkommen ist? Mir schwirrten viele Fragen durch den Kopf, als ich zu den Intensivtagen für die Bronze-Ausbildung nach Zürich kam.
Und dann wurde es eigentlich ganz einfach.
Die Trainerinnen praktizierten das Coaching so selbstverständlich, klar und respektvoll, dass meine Bedenken bald verflogen. Wir lernten, aufmerksam zu beobachten, sorgfältig miteinander umzugehen und immer wieder nachzufragen: Wie fühlt sich das an? Ist es angenehm? Ist es stimmig?
Wir probierten aus, wechselten die Rollen und sammelten Erfahrungen. Ab und zu ertönte ein Lachen, dann wieder sagte eine: «Halt, so ist es für mich unangenehm.» Auch das gehörte dazu. Grenzen durften ausgesprochen werden. Rückmeldungen waren willkommen. Bereits am zweiten Tag kam es uns allen recht selbstverständlich vor, einander im Training zu berühren.
Was ich ebenfalls erst lernen musste: das Coaching als etwas Positives anzunehmen. Am Anfang zuckte ich bei jeder Berührung zusammen und dachte: «Oh, was habe ich falsch gemacht?»
Coaching bedeutet jedoch viel mehr. Es kann eine Einladung sein, den eigenen Körper genauer wahrzunehmen. Eine Position wird plötzlich klarer, eine Bewegung verständlicher, eine Möglichkeit spürbar, die vorher nur in der Vorstellung existierte. Gemeinsam erkunden wir, was der Körper zulässt. Wir nähern uns Schritt für Schritt einer neuen Erfahrung und unterstützen einander dabei mit dem, was wir in der Ausbildung lernen.
Am zweiten Tag konnte ich mich langsam entspannen und mich darauf einlassen. Am dritten Tag begann ich das Coaching zu genießen. Am vierten Tag verstand mein Körper plötzlich etwas, das ich beim Üben bisher nur erahnt hatte. Aus einer Vorstellung wurde eine echte Empfindung. Eine Bewegung, die mir zuvor kaum zugänglich gewesen war, fühlte sich auf einmal leicht und selbstverständlich an.
Diese Momente lassen sich schwer beschreiben. Von außen ist vielleicht kaum etwas zu sehen. Im eigenen Körper öffnet sich dagegen eine neue Welt. Zusammenhänge werden spürbar, der Körper antwortet, und eine präzise Begleitung kann innerhalb weniger Augenblicke etwas verändern, wonach man allein lange gesucht hat.
Dank der aufmerksamen Anleitung unserer Trainerinnen machten wir jeden Tag große Fortschritte. Wir erlebten Körpersensationen und persönliche Erfolge, die wir kaum für möglich gehalten hätten.
Das war für mich das Faszinierendste an der Ausbildung: wie viel Entwicklung in so kurzer Zeit möglich ist.
Am Ende der fünf intensiven Tage saßen wir alle anders, wir standen anders, wir schauten einander anders an und blickten anders in die Welt hinaus. Und wir fühlten uns bereit, nun mit dem Unterrichten zu beginnen und das Gelernte weiterzugeben.
Sabine Reber, geboren 1970 in Bern, aufgewachsen in Biel, arbeitete als Redaktorin, Reporterin und Autorin für verschiedene Schweizer Zeitungen, bevor sie sich 1997 als freischaffende Schriftstellerin selbstständig machte. Seitdem hat sie Gedichtbände, Erzählungen, Reisebücher und Gartenbücher veröffentlicht und internationale Preise gewonnen.
In der Kolumne «Körperwärts» wagt sie sich auf neues Terrain: Statt Pflanzen erkundet sie Psoas, Beckenboden und Schulterblätter – mit derselben Neugier und Begeisterung, die sie seit Jahrzehnten in den Garten treibt.
Ein paar Fragen. Ein klarerer Blick.
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