Die andere Seite

Vom Gleichgewicht der Körperseiten

Von Sabine Reber

Ich habe immer alles mit rechts gemacht, nicht mit links. Mit den Übungen versuche ich nun bewusst, auch die linke Seite stärker ins Spiel zu bringen. Es ist eine spannende Entdeckungsreise in die Vernetzung der eigenen Körperhälften.

Die meisten Menschen haben eine bevorzugte Seite – sie schreiben mit rechts oder mit links. Sie haben ein stärkeres und ein schwächeres Bein.

Bei mir sind auch die Augen nicht beide gleich tüchtig im Einsatz, meist schaut nur das rechte Auge.

Das linke kann zwar auch sehen, aber meistens will es nicht. Oder es sieht, aber seine Informationen werden im Hirn nicht weiterverarbeitet – alles, was mit Perspektiven zu tun hat, weiss ich zwar, ich habe es erlernt.

Ich kann Räume gestalten, ich kann Bälle werfen und sogar Pingpong spielen. Ich weiss um die Perspektiven und die Distanzen, aber ich sehe sie nicht wirklich.

Wegen dieser Anomalität meines Sehapparates ist es für mich besonders interessant, im Training bewusst die schwächere Seite ins Spiel zu bringen, und zum Beispiel die Hände bei der Grundposition in Seitenlage oder beim Hochturm anders herum zu verschränken.

Wenn die Anweisung lautet: „Über die Seite der Wahl… „, dann drehe ich mich nun extra nach links, obwohl mir rechts herum alle Bewegungen grundsätzlich leichter fallen.

Ich habe mir im Alltag angewöhnt, Arbeiten bewusst mit der linken Hand auszuführen. Mit der linken Hand den Löffel in der Pfanne rühren. Zähneputzen mit Links finde ich immer noch herausfordernd. Im Garten mit der linken Hand schaufeln oder jäten geht schon ganz gut.

Nun trainiere ich auch, mit dem linken Arthroseknie voran vom Boden aufzustehen. Ich habe 40 Jahre lang das linke Knie geschont.

Es braucht viel Zuwendung, um das Gelenk aus der gewohnten Schonhaltung herauszuholen. Darum habe ich eine alte Übung aus der Physiotherapie wieder aufgenommen: aus dem Stand mit einem Knie nach dem anderen in den Unterschenkelstand, und mit dem gleichen Knie voran wieder hoch, dann die Seite wechseln, und das Ganze möglichst schnell und so lange wiederholen wie möglich.

Das ist sehr anstrengend – aber es hilft dem linken Knie, den Unterschenkelstand zu üben.

Wir vermeiden in der CANTIENICA®-Methode grundsätzlich das Wort „knien“, weil allein der Gedanke daran vielen Menschen Schmerzen bereitet. Auch meinem Knie sind sprachliche Umwege durchaus willkommen – es mag gern etwas verklausuliert herausgefordert werden.

Nun gibt es diese Übergangsphase, wo man plötzlich nicht mehr genau weiss, welches eigentlich die schwächere Seite war.

Bei den Händen ist dieser Zustand bereits eingetreten. Ich ertappe mich dabei, wie ich bei der Beckenwelle die Arme intuitiv über der Brust kreuze – und sie dann gleich wieder umkreuze, weil ich nicht mehr sicher bin, ob ich mit der stärkeren oder mit der schwächeren Seite angefangen habe.

Irgendwann hat mein Körper vergessen, welches die schwächere Seite der Hände war. Beim Unterschenkelstand geht das nicht so schnell – aber auch da spüre ich eine Veränderung. Das linke Knie nimmt aktiver am Alltag teil.

Ich habe sogar angefangen, beim Gekraxel auf Bergtouren auch mal auf das linke Bein zu springen. Je mehr ich es benütze, desto stärker und beweglicher wird es.

Nur mit den Augen weiss ich noch nicht recht – aber es muss ja auch nicht alles auf einmal perfekt werden.

Die CANTIENICA®-Methode ist ein Weg, und ich habe Zeit. Schön eins ums andere. Ich freue mich über alles, was langsam, aber sicher besser geht. Und mit allem, was länger dauern will, versuche ich Geduld und Nachsicht zu üben.

Sabine Reber, geboren 1970 in Bern, aufgewachsen in Biel, arbeitete als Redaktorin, Reporterin und Autorin für verschiedene Schweizer Zeitungen, bevor sie sich 1997 als freischaffende Schriftstellerin selbstständig machte. Seitdem hat sie Gedichtbände, Erzählungen, Reisebücher und Gartenbücher veröffentlicht und internationale Preise gewonnen. Als Chefredaktorin des «Drogistenstern» schreibt sie besonders gerne über Heilkräuter. 

In der Kolumne «Körperwärts» wagt sie sich auf neues Terrain: Statt Pflanzen erkundet sie Psoas, Beckenboden und Schulterblätter – mit derselben Neugier und Begeisterung, die sie seit Jahrzehnten in den Garten treibt.

STUNDENPLAN CANTIENICA®-Studio Zürich

Wer Sabine Reber nicht nur lesen, sondern auch live erleben möchte: Im Juli gibt sie ihre ersten CANTIENICA®-Lektionen im Studio Zürich. Wenn Sabine sich auf etwas einlässt, dann mit voller Kraft und Begeisterung. 

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