Die erste Gruppenlektion

Oder: Ab auf die Bäume!

Von Sabine Reber

Eine CANTIENICA®-Ausbildung ist nicht nur für die lernende Person, sondern auch für deren Umfeld eine Herausforderung. Besonders die Vorbereitungen fürs Unterrichten haben es in sich – alle, die nicht bei drei auf einem Baum sind, werden zum Mitmachen verdonnert.

Meine allererste Gruppenlektion war eine Stellvertretung. Entsprechend wollte ich alles gut machen. Sehr gut sogar.

Ich bereitete mich tagelang auf die Stunde vor. Schob Kärtchen herum, zeichnete Figürchen und Abläufe. Probierte aus, verwarf, probierte neu. Immer mal wieder mussten mein Partner, meine Tochter und wer sonst gerade so in der Nähe war, einen Testlauf mit mir durchüben.

Zu lang – zu kurz – zu unverständlich – zu schwierig. Ich probierte immer neue Varianten, die ich zuerst für mich allein durchführte und dabei leise jede nötige Anweisung vor mich hinbrummelte.

Sobald es mir stimmig erschien, machte ich mich auf die Suche nach den nächsten Testkandidaten. Mitunter sagten Bekannte von mir schon, sie würden sich zwar gern mal wieder mit mir verabreden, „aber nur, wenn ich nicht mitturnen muss“.

Nun gut, mit der Zeit weiß man, wen man fragen darf und wen lieber nicht. Jedenfalls rückte das Datum meiner ersten Gruppenlektion unaufhaltsam näher, egal, ob mein Umfeld nun mehr oder weniger Freude an seinem Versuchskaninchendasein hatte. Der Tag X nahte, es musste geübt und ausprobiert werden. Basta.

In den Nächten vorher schlief ich unruhig. Mitunter träumte ich, dass die Kundinnen händeringend davonliefen, dass sie sich beschwerten, gar türeschlagend aus dem Raum stürmten und im ganzen Berner Oberland erzählten, die Gartentante sei nun komplett verrückt geworden mit diesem neuen Dingsbumsturnen.

Schließlich brach der Tag X heran. Meine Nervosität hatte sich noch keineswegs gelegt. Ich tigerte von der Küche in den Garten und machte mich selbst halb wahnsinnig, geschweige denn Mann und Hund.

Hatte ich wirklich genug geübt? War die Choreografie sinnvoll, auf die ich mich schließlich festgelegt hatte? Nachvollziehbar? War sie zu schwierig? Zu einfach? Würde meine Art zu unterrichten den Kundinnen meiner Kollegin überhaupt gefallen? Wie würden sie reagieren?

Tatsächlich war es dann viel einfacher, als ich es mir vorgestellt hatte.

Ich legte die Matten aus, stellte die Hocker bereit. Ich legte meine laminierten Folien parat. Die sieben älteren Damen des Pro-Senectute-Kurses betraten fröhlich schwatzend den Raum und begrüßten mich herzlich.

Einige kannten mich schon von meinen Gartenbüchern her und freuten sich außerordentlich, mich nun in diesem neuen Kontext anzutreffen. Die anderen waren wohlwollend neugierig. Sie schauten interessiert auf die Darstellung von Sitzbeinhöckern und Levator ani.

Ich begann die erste Übung anzuleiten. Schaute in die Runde. Alle machten mit.

Sie richteten ihre Wirbelsäule zum Kronenpunkt hin auf, ertasteten ihr Kreuzbein, pulsierten mit den Sitzbeinhöckern. „Sehr gut, das sieht fantastisch aus“, lobte ich. Den ersten Block im Sitzen schafften wir sozusagen mit Bravour.

Nachher im Stehen wurde es anspruchsvoller – nicht alle Menschen können einfach so gerade stehen. Ich leitete an, zeigte vor, begann zu coachen. Sie hörten zu, nickten, versuchten ihre Kreuzbeine in die gewünschte Position zu bringen.

Und nun die Arme anheben! Da wurde mir bewusst, dass ich keinesfalls von meiner eigenen Beweglichkeit ausgehen durfte. Nicht alle Menschen können ihre Arme über den Kopf heben.

Also anpassen, die Übung vereinfachen. Nochmals von vorne.

Schritt für Schritt arbeiteten wir uns durch die vorbereitete Choreografie. Als ich mal kurz auf die Uhr schaute, erschrak ich. Es waren schon drei Viertel der Stunde um!

Und wir hatten noch nicht einmal die Hälfte der Übungen gemacht.

Ich ließ mir nichts anmerken, beschloss, den dritten Block auf dem Rücken ganz zu überspringen – Bauchübungen konnten sie ja dann nächstes Mal wieder machen, wenn meine Kollegin zurück war.

Lieber wollte ich die Damen noch in den Vierfüßler bringen und ihnen die CANTIENICA®-Liegestützen zeigen. Ich leitete die Übung an, ohne das Wort „Liegestützen“ zu verwenden – die Hände im A und dann die Ellbogen nach außen ziehen.

„Oh toll“, sagte eine der Teilnehmerinnen, „so tut das gar nicht weh!“

Weil die Gruppe die Liegestützen so schön umsetzte, fügte ich eine Serie C-Bogen an.

Blick auf die Uhr. Noch vier Minuten.

Nun war ich etwas unsicher, ob die älteren Damen wohl aus dem Vierfüßler in die Hocke kommen würden. Sollte ich mit ihnen eine Pyramide wagen, oder überforderte ich sie damit?

Schließlich sagte ich: „Wer will und kann, darf jetzt elegant in die Hocke kommen.“

Ich gestand ihnen, dass ich selbst das wegen meines Knies nicht so gut vorzeigen konnte, und ermunterte sie: „Probiert es einfach, wenn ihr mögt, oder kommt über die Seite hoch, macht es so, wie es euch wohl ist.“

Die meisten kamen tatsächlich in die Hocke, guckten mich keck an, während sie stolz auf den Zehen wippten.

Nun galt es, die Gruppe gemeinsam zu einem guten Ende der Stunde zu führen. Also aufrichten und noch eine kleine Atemreise zum Schluss.

Als wir uns mit den diagonalen Atemzügen von den Großzehengrundgelenken bis zum Kronenpunkt hochgearbeitet hatten, schaute ich auf die Uhr: eine halbe Minute noch!

Wir atmeten in die größtmögliche Länge, und dann sagte ich sinngemäß den Satz, den ich beim Mitmachen so oft gehört hatte:

„Nun gehen wir alle mit dieser schönen Aufrichtung in den Nachmittag hinaus.“

Sabine Reber, geboren 1970 in Bern, aufgewachsen in Biel, arbeitete als Redaktorin, Reporterin und Autorin für verschiedene Schweizer Zeitungen, bevor sie sich 1997 als freischaffende Schriftstellerin selbstständig machte. Seitdem hat sie Gedichtbände, Erzählungen, Reisebücher und Gartenbücher veröffentlicht und internationale Preise gewonnen. 

In der Kolumne «Körperwärts» wagt sie sich auf neues Terrain: Statt Pflanzen erkundet sie Psoas, Beckenboden und Schulterblätter – mit derselben Neugier und Begeisterung, die sie seit Jahrzehnten in den Garten treibt.

STUNDENPLAN CANTIENICA®-Studio Zürich

Wer Sabine Reber nicht nur lesen, sondern auch live erleben möchte: Im Juli gibt sie ihre ersten CANTIENICA®-Lektionen im Studio Zürich. Wenn Sabine sich auf etwas einlässt, dann mit voller Kraft und Begeisterung. 

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