Moonwalk und Flashdance

Oder: Büffeln und bewegen

Von Sabine Reber

Üben und Lernen ist in den letzten Monaten zu meiner neuen Lebenshaltung geworden. Das Handbuch Bronze, der erste Teil der CANTIENICA®-Ausbildung, umfasst rund 140 Übungen, die alle exakt beherrscht werden wollen. Ich trainiere und übe jederzeit und überall, sogar in der SAC-Hütte, wenn gerade keine Gäste da sind.

Ein bisschen ist das wie früher – eine Zeitreise um 40 Jahre zurück: Ich war im Untergymnasium, hatte meine handgeschriebenen Kärtchen mit den lateinischen Vokabeln drauf, und neben dem Lernen verbrachte ich jede freie Minute im Tanzstudio. Ich pendelte zwischen Ovid und Moonwalk, Catull und Flashdance. Seit diesen frühen Trainingserfahrungen weiss ich, dass bei mir alles Lernen über die Bewegung geht. Und das kommt mir bei der CANTIENICA®-Ausbildung nun entgegen.

Wieder habe ich meine Kärtchen, die ich auslege. Ich habe sie sogar laminiert, damit sie länger halten. Wenn ich eine Übung zu meiner Zufriedenheit ausgeführt habe, dann drehe ich das entsprechende Kärtchen um. Sobald alle umgedreht sind, mische ich sie neu und fange wieder von vorne an.

Ich gehe eine Seite aus dem Handbuch durch, setze die Übung um, lese weiter. Immer wieder stehe ich auf, lese auch mal laut im Stehen eine Anleitung vor, pulsiere dabei rhythmisch mit dem Körper. Umsetzen. Weiterlesen. Immer in Bewegung.

Dann lege ich die Kärtchen mit ähnlichen Übungen auf einen Stapel, gehe diese nacheinander durch. Dabei murmle ich die Anweisungen aus dem Handbuch vor mich hin. Bin ich mit der Ausführung eines Stapels Übungen zufrieden, lege ich diese beiseite. Die Kärtchen mit denjenigen Übungen, die mir besonders schwerfallen, trage ich in der Handtasche oder im Rucksack mit – und übe bei der nächstmöglichen Gelegenheit weiter.

Am Anfang meiner Ausbildung hatte ich eine Serie Kärtchen, bei denen ich hintendrauf geschrieben habe, was man bei der jeweiligen Übung alles beachten muss. Inzwischen dünkt mich das meiste klar. Also habe ich neue Kärtchen ohne Anweisungen fabriziert, nur mit dem Namen der Übung und der Seitenzahl aus dem Handbuch.

Das hatte ich damals mit dem Latein genauso gemacht, immer wieder neue Sets mit Kärtchen beschrieben und diejenigen mit den schwierigsten Wörtern überallhin mitgenommen – manche Sachen kann man nicht nur halb lernen. Entweder man kniet sich tief in die Materie hinein, oder man lässt es bleiben.

Mit dem Tanzen war es damals ebenso. Während mehrerer Jahre pendelte ich zwischen den Welten von Jennifer Beals und Michael Jackson und der Grammatik des alten Roms. Zu „What a Feeling“ von Irene Cara wirbelte ich durch das Studio, das ich zusammen mit Peggy, einer Studentin aus der Karibik, die bei unserem damaligen Nachbarn wohnte, in einer alten Uhrenfabrikhalle eingerichtet hatte.

Ich staunte über Ovids Metamorphosen und versuchte, meine Bewegungen zu transformieren – unvergessen die tanzenden Grufties aus dem „Thriller“-Video! Oder die fulminanten Gruppenszenen aus „Beat It“ und „Bad“. Ich übte mich damals schier um Kopf und Kragen, um Michael Jacksons Verrenkungen auch nur halbwegs zu imitieren.

Meine steckengeraden Haare liess ich zu einer Dauerwelle formen und gammelte tagelang in den hautengen Trainingskleidern mit hochgeschnittener Hüftpartie herum (Jane Fonda lässt grüssen), dicke Stulpen in grellsten Farben inklusive.

Und nun ist der Boden meines Zimmers mit laminierten Kärtchen belegt. Ich machte das ja auch mit den Buchmanuskripten so. Ganze Bücher habe ich Seite für Seite auf dem Wohnzimmerteppich oder im Fotostudio ausgelegt – ich muss die Sachen räumlich vor mir sehen. Nur so spüre ich, was zusammengehört. Was am Anfang kommt. Was in der Mitte.

Ich muss den Rhythmus fühlen können – manche Sequenzen lege ich versetzt hin. Wo ist es anstrengend, wo ruhig? Ich schiebe die Kärtchen auf dem Teppich hin und her, probiere immer neue Varianten aus.

Dazwischen hüpfe ich herum wie früher und freue mich über die Zeitreise zurück ins Lernen und Bewegen. Das ist das wirklich Tolle an meiner CANTIENICA®-Ausbildung. Ich bin wieder der vierzehnjährige Teenager, mit dem naiven Blick des Anfangs und einem riesigen Willen, alles zu lernen, zu üben bis zum Umfallen. In die Tiefe zu gehen, Zusammenhänge zu verstehen, Perfektion anzustreben. Ganz egal, was alle rundherum dazu meinen.

Was für ein Glück, diese Fähigkeit noch einmal zu entdecken: sich komplett und ohne Rücksicht auf Verluste auf eine Entdeckungsreise einzulassen.

Sabine Reber, geboren 1970 in Bern, aufgewachsen in Biel, arbeitete als Redaktorin, Reporterin und Autorin für verschiedene Schweizer Zeitungen, bevor sie sich 1997 als freischaffende Schriftstellerin selbstständig machte. Seitdem hat sie Gedichtbände, Erzählungen, Reisebücher und Gartenbücher veröffentlicht und internationale Preise gewonnen. Als Chefredaktorin des «Drogistenstern» schreibt sie besonders gerne über Heilkräuter. 

In der Kolumne «Körperwärts» wagt sie sich auf neues Terrain: Statt Pflanzen erkundet sie Psoas, Beckenboden und Schulterblätter – mit derselben Neugier und Begeisterung, die sie seit Jahrzehnten in den Garten treibt.

STUNDENPLAN CANTIENICA®-Studio Zürich

Wer Sabine Reber nicht nur lesen, sondern auch live erleben möchte: Im Juli gibt sie ihre ersten CANTIENICA®-Lektionen im Studio Zürich. Wenn Sabine sich auf etwas einlässt, dann mit voller Kraft und Begeisterung. 

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