Was Physiotherapeutinnen über die CANTIENICA®-Methode denken
Vera Heinmüller hat sich im Rahmen ihrer Bachelorarbeit an der Technischen Hochschule Rosenheim, Fakultät für Angewandte Gesundheits- und Sozialwissenschaften, Studiengang Physiotherapie, einer Frage gewidmet, die viele von euch aus der täglichen Praxis kennen:
Was kann die CANTIENICA®-Methode leisten, was die klassische Physiotherapie nicht kann – und umgekehrt?
Und wie lassen sich beide Ansätze sinnvoll kombinieren, wenn Frauen unter Belastungsinkontinenz leiden?
Das Ergebnis: eine 139-seitige, sorgfältig recherchierte Arbeit, die wir mit grosser Freude vorstellen.
Belastungsinkontinenz betrifft mehr Frauen als gedacht
Unfreiwilliger Urinverlust beim Husten, Niesen, Lachen oder Sport — die sogenannte Belastungsinkontinenz (Stress Urinary Incontinence, SUI) — ist weit verbreitet und häufig ein Tabuthema. Studien zeigen, dass viele Betroffene aus Scham keine professionelle Hilfe suchen. Die Auswirkungen auf Lebensqualität, soziale Teilhabe und psychisches Wohlbefinden sind erheblich.
Beckenbodentraining gilt in der Fachliteratur als Behandlung erster Wahl — doch welches Training, in welcher Form?
Vera Heinmüller beleuchtet in ihrer Bachelorarbeit, wie CANTIENICA® und Physiotherapie bei Belastungsinkontinenz zusammenspielen können.
Die Forschungsfrage
Vera Heinmüller hat drei Physiotherapeutinnen befragt, die auf Beckenbodentherapie spezialisiert sind und sowohl mit physiotherapeutischen Konzepten als auch mit der CANTIENICA®-Methode arbeiten — mindestens seit zwei Jahren. Die Interviews wurden nach wissenschaftlicher Methode (qualitativer Inhaltsanalyse nach Kuckartz & Rädiker) ausgewertet.
Ihre zwei Leitfragen:
- Welche Stärken und Schwächen haben Physiotherapie und Cantienica-Methode bei der Behandlung von Belastungsinkontinenz?
- Wie können beide Ansätze in der Praxis kombiniert werden, um den Therapieerfolg zu maximieren?
Ergebnisse
Die Stärken der Physiotherapie
Die Physiotherapie punktet laut den befragten Therapeutinnen vor allem mit Spezifität, Diagnostik und Wissensbasis: Sie ermöglicht eine genaue Beurteilung der individuellen Situation, eine gezielte Behandlung und fundierte Aufklärung — was die Selbstwirksamkeit der Patientinnen stärkt.
Die Stärken der CANTIENICA®-Methode
Die CANTIENICA®-Methode überzeugt durch ihre Zugänglichkeit: Die bildhaften Bewegungsanleitungen (z.B. über die Knochen wahrnehmen) sind für viele Frauen leichter umsetzbar als klassische physiotherapeutische Bewegungsaufträge.
Die Arbeit erklärt das wissenschaftlich: Die Methode nutzt häufig einen externen Aufmerksamkeitsfokus, der nachweislich das motorische Lernen erleichtert.
Besonders spannend: Die Therapeutinnen betonen, dass CANTIENICA® als alltagsintegriertes Haltungs- und Tiefenmuskeltraining langfristig wirken kann — also über die Therapiestunde hinaus.
Kombination beider Ansätze: So funktioniert es in der Praxis
Die Arbeit zeigt, dass es nicht die eine richtige Kombination gibt — sondern mehrere sinnvolle Wege:
- CANTIENICA®-Elemente können in die physiotherapeutische Einzelbehandlung eingeflochten werden (z.B. bei der Haltungsarbeit oder beim Einsatz der Atmung).
- CANTIENICA® kann als separates Gruppentraining ergänzend zur Physiotherapie angeboten werden.
- Der Wechsel zwischen der nach innen gerichteten Wahrnehmung im CANTIENICA®-Stil und dynamischeren physiotherapeutischen Übungen kann Motivation und Adhärenz fördern.
Welcher Weg gewählt wird, hängt von den individuellen Bedürfnissen der Patientinnen und dem jeweiligen Behandlungsformat ab.
Ein Hinweis zur Einordnung
Vera Heinmüller benennt selbst klar: Ihre Arbeit erhebt keinen Anspruch auf allgemeine Übertragbarkeit — drei Interviews sind eine solide qualitative Grundlage, aber keine repräsentative Studie.
Was die Arbeit liefert, ist etwas anderes und Wertvolles: einen wissenschaftlich aufgearbeiteten Einblick in die gelebte Praxis von Expertinnen, die beide Welten kennen.
Die Autorin plädiert für mehr wissenschaftliche Forschung zur CANTIENICA®-Methode — damit aus gelebter Erfahrung auch externe Evidenz wird. Eine wissenschaftliche Fundierung würde Fachkräften helfen, die Methode sicher zu empfehlen.
Liebe Leserinnen und Leser,
während meines Physiotherapiestudiums an der Technischen Hochschule Rosenheim wurde ich durch eine Freundin auf die CANTIENICA®-Methode aufmerksam. Von diesem Moment an wusste ich, welchem Thema ich mich in meiner Bachelorarbeit widmen werde.
Besonders fasziniert hat mich, dass diese Methode zunächst ohne wissenschaftliche Basis und teils im Widerspruch zu anerkannten Therapiemethoden und anatomischen Annahmen entwickelt wurde und dennoch, oder gerade deswegen, viele positive Auswirkungen auf den Körper und das Wohlbefinden zeigt. Ich habe mir zur Aufgabe gemacht, diesem Phänomen aus wissenschaftlicher Perspektive auf den Grund zu gehen.
Mein Ziel ist es, eine Brücke zwischen der CANTIENICA®-Methode und der Physiotherapie zu schlagen – nicht nur, um den Behandlungserfolg bei Frauen mit Belastungsinkontinenz zu erhöhen, sondern auch, um das gegenseitige Verständnis und die Wertschätzung beider Ansätze im Sinne einer besseren Zusammenarbeit und Versorgung von Klientinnen und Klienten zu fördern.
Ich wünsche mir, dass die Inhalte dieser Arbeit nicht nur gelesen, sondern auch kritisch hinterfragt werden und zum fachlichen Austausch anregen.
Herzliche Grüße
Vera Heinmüller
Infos zu Vera Heinmüller
- Physiotherapietudium an der Technischen Hochschule Rosenheim 2021-2025
- Aktuell als Physiotherapeutin in einer Praxis tätig
- Kontakt: veraheinmueller@gmail.com