Steissbein, can you hear me?
Von Sabine Reber
Mit meinem Steissbein habe ich ein eher schwieriges Verhältnis. Wir pflegen den Beziehungsstatus „es ist kompliziert“, wie es in den Social Media so treffend heisst. Aber was ist schon nicht kompliziert heutzutage? Eben. Mein Steissbein liegt voll im Trend.
„Es ist der Geist, der sich den Körper baut,“ heisst es im letzten Teil von Friedrich Schillers berühmter Wallenstein-Dramen-Trilogie über den 30jährigen Krieg. An diesen Satz denke ich öfters mal, wenn ich versuche, das Steissbein locker vom Kreuzbein weg zu lösen und gleichzeitig meinen Gleitwirbel einlade, ein Millimeterchen oder zwei sich sanft zurück in die Reihe zu bequemen.
In der Vorstellung gelingt mir das inzwischen ganz gut. Ob sich da unten tatsächlich etwas bewegt – ich bin mir nicht sicher.
Aber das ist eigentlich auch egal, es reicht erst einmal, wenn sich die Knochen in meinen Gedanken bewegen. Denn es geht um die Vorstellung, es geht darum, die einzelnen Wirbel vor dem inneren Auge in der richtigen Position zu sehen, jeden schön an seinem Platz, dort, wo wir ihn haben möchten. Und dazwischen gaaaanz viel Platz für jede Bandscheibe.
Es geht um die Ausrichtung der Wirbel, und die stimmt, wenn der Geist sich das Bild richtig vorstellt.
Also einmal mehr: Das Steissbein steht hoch und locker. Und den 4. Lendenwirbel bitte gern ein klein wenig zurück in die Reihe, damit er sich schön gerade mit allen anderen Wirbeln zusammen aufrichten möge in Richtung Kronenpunkt.
Ich adressiere das verrückte Knochenstück versuchsweise raumschiffmässig, Ground Control an Major Tom: „Can you hear me now?“ Irgendwie will das noch nicht so recht, jedenfalls nicht so, wie es der Anleitung zufolge sollte.
Am Anfang spürte ich mein Steissbein sowieso überhaupt gar nicht. Mit dem Lernen aus den Büchern bin ich diesbezüglich in der ersten Zeit fast verzweifelt – wie bitte soll ich das Kreuzbein vom Steissbein lösen?! Ich habe es in verschiedenen Versionen nachgelesen und immer wieder versucht.
Einmal habe ich vor Verzweiflung ein Buch in die Ecke geworfen. Ich war versucht zu sagen, dass das bei mir nicht geht. Weil ich einen Gleitwirbel habe, weil ich mal eine Diskushernie hatte, weil halt einiges da unten mit den Knochen nicht mehr ganz nach Lehrbuch stimmt bei mir.
Ausreden! Letztlich geht es dann immer irgendwie – man muss sich nur lange genug vorstellen, wie es sich bewegt und in die richtige Position kommt. Also, ein weiterer Versuch:
Diesmal stelle ich mir ein Ohrhängerchen mit Edelsteinen vor, die schön locker in der Senkrechten stehen. Je konkreter das Bild, desto stärker die Wirksamkeit.
Mein Steissbein ist ein Cascade-Ohrhänger mit fünf Farbsteinen in schillerndem Aquamarin, in einer vertikalen Reihe angeordnet und sich gegen unten hin verjüngend. Die Steine sind locker aneinandergehängt mit beweglichen Verbindungsstücken aus Weissgold, die für leichten Schwung sorgen.
Und nun dünkt mich tatsächlich, dass sich da ganz zart etwas rege. Es ist das Gefühl von etwas Kleinem, das sich bewegt, genau an dem Ort, wo beim anatomischen Modell das Steissbein zu sehen ist.
Die Regung entsteht aus der Vorstellung, aus dem Gedanken heraus. Darum weiss ich jetzt, dass Friedrich Schiller Recht hatte: „Es ist der Geist, der sich den Körper baut.“
Ich habe dann, aufrecht sitzend, mit aquamarinblau weg vom Kreuzbein pendelndem Steissbein, noch etwas weitergelesen in den Versen der Wallenstein-Dramen, und bin alsda über berühmte Sätze wie „Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst“ oder: „Es wächst der Mensch mit seinen grösseren Zwecken“ gestolpert.
Auch der Ausruf „Daran erkenn‘ ich meine Pappenheimer“ stammt aus „Wallensteins Tod“, ebenso wie „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.“ Na dann! Zwischendurch mal wieder bei den alten Klassikern vorbeischauen hat jedenfalls noch nie geschadet.
Sabine Reber, geboren 1970 in Bern, aufgewachsen in Biel, arbeitete als Redaktorin, Reporterin und Autorin für verschiedene Schweizer Zeitungen, bevor sie sich 1997 als freischaffende Schriftstellerin selbstständig machte. Seitdem hat sie Gedichtbände, Erzählungen, Reisebücher und Gartenbücher veröffentlicht und internationale Preise gewonnen. Als Chefredaktorin des «Drogistenstern» schreibt sie besonders gerne über Heilkräuter.
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