Die Kraft der Diagonalen

Wenn die Luft dünn wird

Von Sabine Reber

Ob beim Gehen, beim Wandern oder auf Tourenskiern – mit diagonalen Atemreisen und der richtigen Aufspannung wird jeder Schritt ein klein wenig leichter.

Beim Skitourengehen ist es mir zum ersten Mal bewusst aufgefallen. Es war im Mai 2025, auf dem Weg zur Dufourspitze. Ich war mit meinen Gspänli* vom SAC Oldenhorn unterwegs. Von der Monte-Rosa-Hütte bis hinauf auf den höchsten Gipfel der Schweiz gilt es 1751 Höhenmeter und eine enorme Strecke über den Monte-Rosa-Gletscher zu bewältigen.

Wir waren alle gut trainiert. Dennoch begann das Unterfangen auf etwa 3800 MüM* herausfordernd zu werden.

Wir spürten die dünner werdende Luft. Man schnauft in dieser Höhe wie ein Nilpferd – aber es bringt nichts. Die Coraminpäckli* wurden allenthalben verstohlen hervorgeklaubt, manche griffen zu Proteinriegeln, Traubenzucker – was es halt so gibt, um Kraftreserven zu mobilisieren.

Als ich schon zwei Täfeli* geschleckt hatte und die Luft immer noch dünner wurde, kam mir die Idee mit den Diagonalatmungen.

Im Training half mir das jeweils, neue Energie zu finden, wenn ich eigentlich schon müde war. Also versuchte ich, während ich den linken Ski nach vorne schob, von der linken Ferse zur rechten Oberarmkugel zu atmen.

Dabei drehte ich die rechte Schulterpfanne leicht nach vorne oben, richtete mich ein wenig auf gegen den Druck des gepolsterten Rucksackriemens und aktivierte gleichzeitig die Längsbänder.

Ich atmete von der rechten Ferse zur linken Oberarmkugel, richtete auch die linke Schulterpfanne etwas mehr nach vorne oben aus. Dann atmete ich vom linken Knie zum rechten Mittelfinger, vom rechten Knie zum linken Mittelfinger.

Ich arbeitete mich diagonal durch meinen Körper. Bei jedem der immer mühsamer werdenden Atemzüge in der dünnen Luft zog ich eine weitere Diagonale.

Das beschäftigte meinen Kopf und lenkte mich ab von der Schwere, die sich langsam in den Beinen breitmachte. Es half mir, meine Kräfte zu bündeln: linken Fuss einen Schritt vorschieben, rechten Fuss einen Schritt vorschieben, atmen, atmen – und dabei langsam, aber stetig Höhenmeter gewinnen.

Ich ging sämtliche mir aus dem CANTIENICA®-Training bekannten Diagonalen durch, während wir schnaufend und keuchend auf die 4000er-Marke zuschritten.

Der Weg vor uns war immer noch weit. Ich atmete goldenes Licht in meine müden Muskeln. Und dann begann ich, neue Diagonalen zu erfinden, Atemzug um Atemzug, vom linken Ohrläppchen zur rechten Augenbraue, vom rechten Kleinzehengrundgelenk zum linken Nasenloch. Von der rechten Kniescheibe hinter den linken Augapfel Vom rechten Kleinzehengrundgelenk zum linken Nasenloch. Von der rechten Kniescheibe hinter den linken Augapfel.

Je rarer der Sauerstoff wurde, desto feinere Diagonalen fielen mir ein. Hauptsache, sie verliefen immer von unten nach oben. In die Aufrichtung. Von unten nach oben, von unten nach oben. Das Gewicht weg vom Boden.

Nun murmelte ich die Grundsätze der Methode vor mich hin.

Alles, was ich gelernt hatte, wurde mir zum Mantra.

Und so lief ich einfach weiter. Ich atmete in Gedanken goldene Linien durch meinen Körper. Irgendwann erreichten wir den Sattel auf 4359 MüM*. Wir machten ein Skidepot und gingen mit den Steigeisen weiter zum Ansatz des Westgrats, wo die eigentliche Gratkletterei begann.

Da ich im Klettern nicht so geübt bin, verging mir dort das Spiel mit den Diagonalen. Zu sehr musste ich mich auf Hände und Füsse konzentrieren.

Oben beim Gipfelkreuz angekommen, war alle Anstrengung verflogen. Es herrschte pure Freude, dass wir es geschafft hatten.

Der Weg zurück hingegen hatte es in sich. Die Kraft war nun wirklich aufgebraucht, und auch aus meinen fantasievollen Diagonalen war nicht mehr wahnsinnig viel Reserve zu holen. Immerhin reichte es, um heil wieder vom Berg hinunterzugelangen.

Nach dieser Erfahrung habe ich mir angewöhnt, beim Wandern oder Skitourengehen mit jedem Schritt Querverbindungen durch meinen Körper zu atmen und dabei die Längsbänder zu aktivieren.

Es ist ein neues Gehen. Das Geniale daran: Durch diesen Trick werden tatsächlich neue Kräfte frei. Man findet noch ein paar Schritte, noch etwas Reserve, noch etwas Motivation – und manchmal genau das, was es braucht, um ans Ziel zu kommen.

Helvetischer Übersetzungsdienst

Für unsere Leser:innen nördlich des Rheins:

Gspänli* = Weggefährt:innen. Menschen, mit denen man freiwillig Berge erklimmt.

Coraminpäckli* = Schweizer Sofortmassnahme gegen dünne Luft und schwere Beine.

Täfeli* = kleine Lutschtäfelchen.

MüM* = Meter über Meer. In der Schweiz eine sehr gebräuchliche Höhenangabe.

Sabine Reber, geboren 1970 in Bern, aufgewachsen in Biel, arbeitete als Redaktorin, Reporterin und Autorin für verschiedene Schweizer Zeitungen, bevor sie sich 1997 als freischaffende Schriftstellerin selbstständig machte. Seitdem hat sie Gedichtbände, Erzählungen, Reisebücher und Gartenbücher veröffentlicht und internationale Preise gewonnen. Als Chefredaktorin des «Drogistenstern» schreibt sie besonders gerne über Heilkräuter. 

In der Kolumne «Körperwärts» wagt sie sich auf neues Terrain: Statt Pflanzen erkundet sie Psoas, Beckenboden und Schulterblätter – mit derselben Neugier und Begeisterung, die sie seit Jahrzehnten in den Garten treibt.

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