Haben Männer einen Beckenboden?

Geduld und Langeweile

Von Sabine Reber

Beim Thema Beckenboden hören ja die meisten Männer gleich weg – zu sehr ist das Thema mit Geburt und Rückbildungsgymnastik assoziiert. Dabei wären die Beckenbodenübungen für die Männer genauso wichtig. Nur, wie bringt man ihnen das bei?

Als ich vor zwei Jahren mit dem CANTIENICA®-Training begann und meinem Partner die Grundaufrichtung im Sitzen zeigte, mit den Fersen sanft Wolken stubsen oder Honigtropfen einsaugen und so den Organheber aktivieren, schaute er mich entgeistert an und sagte: «Aber das kann ich nicht, einen Beckenboden haben doch nur die Frauen …»

Dass manche Männer denken, sie haben gar keinen Beckenboden, ist das eine. Dass das starke Geschlecht teilweise in solchen Angelegenheiten mit wenig Geduld gesegnet ist, ist das andere. Bei meinem Partner verhält es sich so, dass er grundsätzlich noch weniger Geduld hat als eine Eintagsfliege. Also sozusagen gar keine.

Interesse am Training aber hat er schon, seit ich ihm erläutert habe, dass Beckenbodenübungen wichtig sind für die Prostata und für die Potenz. Sowieso ist er sportlich, praktiziert auch regelmässig Yoga. Er kann den Sonnengruss in Rekordzeit absolvieren, so schnell, dass sein Körper dabei kaum den Boden berührt! Zack, zack, zack, dann ruft er vergnügt: «Ich bin fertig!»

Wenn ich einwende, es gehe nicht um einen Geschwindigkeitsrekord, lacht er und behauptet, kurz und heftig nütze mehr als dieses langfädige «Gschpürschmizüüg».

Seither ist viel Wasser die Saane hinabgeflossen, und er trainiert regelmässig und fleissig mit mir. Wobei ich relativieren muss. Fleissig und regelmässig mit mir übt er tatsächlich. Aber nie sehr lange auf einmal. Seine Aufmerksamkeitsspanne liegt derzeit bei etwa zwanzig Minuten.

Wenn ich eine sehr interessante Übung anleite und mir alle Mühe gebe, keine Sekunde zu zögern und keinen Hauch von Langeweile oder Zweifel aufkommen zu lassen, dann bringen wir es auf dreissig Minuten. Ein Riesenfortschritt! Am Anfang fand er nach zehn Minuten, das sei jetzt interessant gewesen und er mache dann gerne morgen weiter.

Ich habe in der Zwischenzeit auch anderen Männern in meinem Umfeld die eine oder andere CANTIENICA®-Übung gezeigt. Das Phänomen scheint sich verallgemeinern zu lassen: Die Konzentrationsspanne für solche Angelegenheiten ist beim starken Geschlecht teilweise nicht allzu ausgeprägt vorhanden. Aber was nicht ist, kann ja noch werden!

Jedenfalls freue ich mich, mit gemischten Gruppen zu üben. Und für besonders ungeduldige Männer kann ich auch Einzelstunden anbieten – ich habe bei meinem Partner einige Tricks erprobt, damit ich die Trainingszeit langsam, aber stetig erhöhen kann.

Denn: Eine CANTIENICA®-Lektion sollte eine volle Stunde dauern. Das ist die ideale Zeitspanne, um Körper, Geist (und die Konzentration!) sinnvoll trainieren zu können.

Was sich bei meinem Partner bewährt, sind herausfordernde Gleichgewichtsübungen. Erstens ist bei solchen Übungen die Notwendigkeit klar ersichtlich. Auf einem Bein stehend schwankte er am Anfang wie die Titanic vor dem Untergang. Und wenn ehrgeizige Männer etwas nicht können, dann wollen sie es unbedingt lernen. Diesen Instinkt gilt es zu wecken.

Zweitens: Stretching. Dehnen. Das klappt auch ganz gut, ebenfalls weil die Notwendigkeit recht klar und deutlich ersichtlich ist. Wenn es nach einer Woche Üben schon spürbar besser geht, dann hilft das enorm für die weitere Motivation.

Auch Übungen zur Förderung des Kreuzgangs und der Beweglichkeit der Brustwirbelsäule bewähren sich. Dass mit dem Alter der Gang bei vielen Menschen schlurfend und steif wird und dass ein jung und dynamisch daherschreitender Mann sehr viel attraktiver anmutet, leuchtet jedem ein. Es gilt gewiss für beide Geschlechter, aber bei Männern scheint die Eitelkeit tendenziell ausgeprägter zu sein. Mit dem klar ersichtlichen Nutzen einer Übung lässt sich die Aufmerksamkeit am besten ködern.

Ich habe ja auch durchaus Verständnis für seine Ungeduld – ich gehöre selber zu den Menschen, denen schnell mal langweilig wird. Im Yoga war das lange Mantrasingen nie mein Ding, und wenn es galt, entspannt auf dem Rücken zu liegen, bin ich auf dem Weg zu meinen Chakren eingeschlafen.

Sich über längere Zeit auf sein Inneres konzentrieren zu können, ist eine Kunst, die nicht allen von Natur aus gegeben ist. Inzwischen weiss ich: Man kann diese Art von Aufmerksamkeit trainieren. Man kann es lernen und üben. Und man sollte das tun!

In unserer handyverrückten, von Social Media und allerlei sonstigem Lärm zermantschten Aufmerksamkeitsökonomie ist die Konzentration auf den eigenen Atem ein gutes Gegenmittel, um sich für einige Minuten der allgemeinen Hektik zu entziehen. Oder idealerweise eine ganze Übungssequenz durchzuführen, ohne mit den Gedanken wegzuswitchen zu hundert anderen Sachen gleichzeitig.

Dieses Innehalten und sich Fokussieren würde allen guttun – und diejenigen, die das besonders herausfordernd finden, haben es wahrscheinlich am allernötigsten!

Helvetischer Übersetzungsdienst

Gschpürschmizüüg = Schweizerdeutsch für alles, was mit feinem Körpergefühl, Spüren und Wahrnehmen zu tun hat. Wird von Skeptikern gelegentlich leicht abschätzig verwendet.

Saane = Ein Fluss im Berner Oberland. „Viel Wasser hinabfliessen“ ist eine helvetische Zeitangabe. 

Sabine Reber, geboren 1970 in Bern, aufgewachsen in Biel, arbeitete als Redaktorin, Reporterin und Autorin für verschiedene Schweizer Zeitungen, bevor sie sich 1997 als freischaffende Schriftstellerin selbstständig machte. Seitdem hat sie Gedichtbände, Erzählungen, Reisebücher und Gartenbücher veröffentlicht und internationale Preise gewonnen. Als Chefredaktorin des «Drogistenstern» schreibt sie besonders gerne über Heilkräuter. 

In der Kolumne «Körperwärts» wagt sie sich auf neues Terrain: Statt Pflanzen erkundet sie Psoas, Beckenboden und Schulterblätter – mit derselben Neugier und Begeisterung, die sie seit Jahrzehnten in den Garten treibt.

STUNDENPLAN CANTIENICA®-Studio Zürich

Wer Sabine Reber nicht nur lesen, sondern auch live erleben möchte: Im Juli gibt sie ihre ersten CANTIENICA®-Lektionen im Studio Zürich. Wenn Sabine sich auf etwas einlässt, dann mit voller Kraft und Begeisterung. 

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