"Guck mal, meine Finger sind rund!"
Von Sabine Reber
Ich bin stark kurzsichtig, und ich sehe seit jeher nur zweidimensional – mein Hirn hatte nie gelernt, die Informationen beider Augen zusammenzufügen. Ich hatte mich mit dieser Einschränkung längst abgefunden, und doch nahm es mich Wunder – würde ich im Alter von 56 Jahren das dreidimensionale Sehen neu erlernen können?
Wenn man schlecht sieht, dann ist grundsätzlich alles wahnsinnig grossartig, was die Sehkraft positiv beeinflusst. Kontaktlinsen, Gleitsichtbrillen, Feldstecher, ja sogar eine Lupe gehören zu meinem diesbezüglichen Arsenal an Hilfsmitteln. Ein gutes Augentraining hingegen kann man nicht kaufen. Man muss die Arbeit selbst machen. Und das heisst: regelmässig üben, über Wochen und Monate.
Bisher hatte ich es einige Male versucht mit herkömmlichen Augentrainings. Die Grimassen und Schielübungen waren mühsam und halfen kaum. Umso gespannter war ich auf Benita Cantienis Augenworkshop «Besser sehen». Ich hatte mit der CANTIENICA®-Methode schon einige Körperwunder erlebt. Nun wollte ich wissen, ob sie auch bei meinen Augen wirkte.
Ich habe eine Sehschwäche von acht Dioptrien, und ich habe bis jetzt auch mit den besten optischen Hilfsmitteln alles flach gesehen wie auf einer Postkarte. Es hatten mir schon mehrere Augenärzte erklärt, dass man dagegen nichts machen konnte.
Für mich fühlte sich die Welt trotzdem dreidimensional an, weil ich gelernt hatte, damit umzugehen. Ich lief in keine Laternenpfosten. Ich konnte Räume hübsch einrichten, Gärten dreidimensional stimmig gestalten, Pläne zeichnen und umsetzen.
Ich konnte sogar richtig gut Pingpong spielen – allerdings nur auf Kunststofftischen. Das Geräusch des aufprallenden Balls lieferte mir die benötigten Zusatzinformationen. Spielte ich auf einem Betontisch, verlor ich, weil ich auf der körnigen Oberfläche das Aufprallgeräusch nicht einordnen konnte.
Auch das Auto rückwärts einparken an unbekannten Orten fiel mir schwer. Abgesehen von solchen eher kleinen Einschränkungen hatte ich eigentlich immer das Gefühl, «normal» zu sehen.
Ja, und nun sehe ich nach dem dreitägigen Workshop tatsächlich dreidimensional!
Wie das genau zustande kam, was der Reihe nach geschah während dieser drei intensiven Tage und in den darauffolgenden Wochen, lässt sich kaum aufdröseln. Vieles veränderte sich im Unterbewussten, ein guter Teil des Prozesses ereignete sich im Schlaf – wie in den Kursunterlagen geraten, habe ich jeden Abend vor dem Einschlafen eine Übungssequenz durchgeführt.
Auch tagsüber habe ich alle paar Stunden trainiert, einfach immer, wenn ich daran dachte – und weil das Ganze für mich so aufregend war, habe ich praktisch rund um die Uhr dran gedacht.
Welche Übungen genau die Veränderung ermöglicht haben, kann ich schwer sagen. Ich vermute, es sind mehrere zusammen – es ist die Vielfalt der verschiedenen Stimulationen, die das Wunder ermöglicht.
Manchmal wird meine Wahrnehmung wieder flach, wenn ich müde oder gestresst bin. Dann setze ich mich hin, schliesse die Augen, mache drei, vier Übungen hintereinander. Nicht immer die gleichen – es funktioniert mit diversen Kombinationen.
Inzwischen folge ich einfach meiner Intuition und absolviere Sequenzen, die mir spontan einfallen. Meine Augen sagen mir, was sie machen wollen, und nach ein paar Minuten ist die dritte Dimension wieder da.
Das erste Mal dreidimensional gesehen habe ich am Abend des zweiten Kurstages. Ich stand auf dem Balkon in Gstaad und starrte die Geranien an. Sie waren rund! Feuerrote Kugeln, ganz unglaublich!
Und dann stellte ich fest, dass auch die Bergföhre vor dem Haus eine runde Form hat. Ich ging mit dem Hund spazieren, und auch die anderen Bäume in der Nachbarschaft erschienen mir plötzlich dreidimensional.
Dann begann ich die einzelnen Äste anzuschauen, die Blätter. Ich musste sie eine Weile anstarren. Weil es so anstrengend war, schloss ich die Augen. Als ich die Lider wieder öffnete, erschienen auch die Äste und die Blätter dreidimensional.
Nach dem dritten Kurstag sah ich abends am Esstisch zum ersten Mal ein Glas in drei Dimensionen, einen Moment lang wurde ich unsicher beim Einschenken – der Abstand wirkte tiefer.
Und dann sah ich meine Hände in drei Dimensionen.
Ich erschrak. Stellte die Flasche auf den Tisch. Minutenlang betrachtete ich meine Finger. Sie wirkten wie dicke Würste. Als ob sie erst jetzt Fleisch geworden wären in meiner Wahrnehmung.
Mein Freund fragte, was los ist, und ich sagte: «Guck mal, meine Finger sind rund!»
In den nächsten Tagen kam es immer wieder vor, dass ich bei alltäglichen Bewegungen innehielt, weil ich die zusätzlichen Informationen mit meiner Routine abgleichen musste.
Auf der Autobahn stürzten die Schilder in einer plastischen Klarheit auf mich zu, als ob ich in einem irren Actionfilm sitzen oder mich auf einem Drogentrip befinden würde. Bei der nächsten Raststätte musste ich Pause machen.
Zurück zum Kleinen. Die Kaffeetasse, das Wasserglas. Meine Hände.
Für einen Moment schloss ich die Augen. Ich setzte sie in die Hängematten. Sie wollten hin und her springen, ich liess sie gewähren. Sobald sie ihren Platz gefunden hatten, versuchte ich mich darauf zu konzentrieren, dass sie langsam und gleichmässig hin und her schaukelten.
Treppen steigen oder einen Bergweg hinabgehen waren weitere Herausforderungen. Ich musste bei jedem Schritt die Distanz justieren und tapste unbeholfen durch die Gegend wie damals, als ich mit der ersten Gleitsichtbrille sehen lernte.
Mit dem rückwärts Parkieren brauchte ich ebenfalls Zeit, um mich an die neue Dimension zu gewöhnen.
Was sich auch verändert hat, ist meine Art, mich in Menschenmengen zu bewegen. Im abendlichen Gedränge am Bahnhof Bern oder Zürich navigiere ich nun mit einer nie gekannten Sicherheit an den anderen Passagieren vorbei.
Ich stelle fest, dass die Angstgefühle nachlassen, die mich in solchen Situationen oft heimgesucht haben. Dass ich die Abstände nun realistisch wahrnehmen kann, lässt die Menschenmenge kontrollierbarer, sogar harmloser erscheinen.
Nun bin ich gespannt, wie sich meine Höhenangst verändern wird in der dreidimensionalen Landschaft, wie sich ausgesetzte Felswände und Grate verändern und wie es sein wird, diesen Winter Pulverschneehänge und steile Couloirs perspektivisch wahrzunehmen.
Überhaupt wird mir während des Trainingsprozesses bewusst, wie viel das Sehen mit den unterbewussten Ängsten zu tun hat, die mich in verschiedenen Ausprägungen herausfordern.
Ich weiss noch nicht, wohin das alles führen wird. Aber ich bin sehr glücklich, dass ich mich endlich auf diesen Weg in die dritte Dimension vorgewagt habe!
Helvetismen und sprachliche Besonderheiten
Es nahm mich Wunder: Schweizer Ausdruck für «Ich war neugierig».
Couloirs: Steile Rinnen im Gebirge, die im Winter auch als anspruchsvolle Skiabfahrten genutzt werden.
Ausgesetzte Felswände und Grate: „Ausgesetzt“ ist ein Begriff aus dem Bergsport und bezeichnet Gelände, in dem Absturzgefahr besteht.
BESSER SEHEN – Intensiv-Workshop mit Benita Cantieni
Neugierig geworden? Jetzt sind Ihre Augen dran!
Entdecken Sie im Intensiv-Workshop BESSER SEHEN mit Benita Cantieni, wie Sie Ihre Augen mit der CANTIENICA®-Methode trainieren und neue Möglichkeiten der visuellen Wahrnehmung erkunden können.
Nächster Workshop:
8.–10. Januar 2027 · Live via Zoom
Drei intensive Trainingseinheiten à 90 Minuten, begleitet von einem Trainingsmanual, Audioaufzeichnungen und drei Monaten Zugang zum digitalen Klassenzimmer.
CHF 540.– inkl. MwSt.
Sabine Reber
Journalistin und Buchautorin, Cantienica®-Trainerin
Sabine Reber, geboren 1970 in Bern, aufgewachsen in Biel, arbeitete als Redaktorin, Reporterin und Autorin für verschiedene Schweizer Zeitungen, bevor sie sich 1997 als freischaffende Schriftstellerin selbstständig machte. Seitdem hat sie Gedichtbände, Erzählungen, Reisebücher und Gartenbücher veröffentlicht und internationale Preise gewonnen.
In der Kolumne «Körperwärts» wagt sie sich auf neues Terrain: Statt Pflanzen erkundet sie Psoas, Beckenboden und Schulterblätter – mit derselben Neugier und Begeisterung, die sie seit Jahrzehnten in den Garten treibt.