Meine Reise zum Mittelpunkt der Erde

Meine Reise zum Mittelpunkt der Erde

Von Sabine Reber

Ich habe ja einen ziemlichen Aufräumfimmel – ob Büchergestelle, Schuhe und Kleider, Küchenschränke oder Gartenbeete, ob Lyrik oder journalistische Texte: Immer wieder wird herumgerückt, abgestaubt, gebügelt und neu geordnet, da wird hin und hergestapelt, in Kisten gefaltet und dann doch wieder an Bügel gehängt, gejätet und umgepflanzt, redigiert und noch einmal neu geschrieben, bis sich irgendwann ein Gefühl von Stimmigkeit ergibt.

Was manchmal auch nie eintritt, so dass das ständige Herumgerücke sich mitunter anfühlt wie ein Drehen im Hamsterrad.

Wozu diese ganzen Umstände gut sein sollten, wurde ich schon öfters gefragt, und ob ich nicht vielleicht etwas Sinnvolleres zu tun hätte als dieses ewige Gewusel, das alle um mich herum nervös und mich selbst auch gar nicht nachhaltig zufrieden machte?

Und dann begegnete mir im Frühling 2024 Benita Cantieni. Sie machte Promo für ihr neues Buch, ich stolperte geradezu über einige ihrer Posts in den Social Media.

Hä, was macht die da genau? Huch, kapiere ich nicht.

Irgendwie schien es spannend zu sein. Anders.

Sie hatte offensichtlich etwas herausgefunden, das sie sehr glücklich machte und das sie mit aller Welt teilen wollte.

Ihre Beiträge leuchteten wie eine Verheissung: Da hatte eine das stolze Alter von 75 Jahren erreicht und schien quietschfidel und beweglich wie eine junge Katze.

Und nix Botox oder Filler – bei ihr sah das anders aus, echt eben.

Meine Neugier war geweckt, also schrieb ich ihr. Sie schickte mir „Lebenslang beweglich und kraftvoll mit Tigerfeeling“ auf die Redaktion des „Drogistensterns“.

Das Buch begleitete mich fortan überall hin. Ich las und las und turnte die Übungen nach und staunte. Der Steilhang und die Klappdeckel zeigten ihre Wirkung bald – nämlich beim Jäten und Aufräumen. Wie viel leichter das nun ging.

Und was Benita Cantieni über den Beckenboden schrieb, das leuchtete mir ebenfalls ein.

Warum hatte mir das niemand früher gesagt?! Ich hörte auf mit den Liftfahrten und Tampons-Hochzieh-Übungen, und freute mich über meine neue Bekanntschaft mit dem Levator Ani. Meine Blase entspannte sich, und hielt auch beim Niesen oder Herumhüpfen dicht.

Ich vertiefte mich weiter in die Lektüre, bestellte mir auch die anderen Bücher.

Immer wieder musste ich anatomische Begriffe googlen. Wo dieser vielbeschworene Psoasmuskel liegt, war mir absolut nicht klar, und wie man bitte das Steissbein bewegen sollte – Rätsel über Rätsel.

Es war, als würde ich mich auf einen Trip in ein komplett fremdes Land begeben – wie Jules Verne, als er sich zum Mittelpunkt der Erde aufmachte.

Wo ich auch hinschaute, entdeckte ich Wunder. Vernetzungen von Muskeln, die bisher geschlafen hatten, Geschmeidigkeiten in Gelenken, die über Jahrzehnte in Schmerz erstarrt waren.

Die Schulterblätter schmiegten sich weich an den Rücken, die Sitzbeinhöcker pulsierten, das Zwerchfell spannte sich auf wie ein Sprungtuch, die Bauchdecke wurde lang und elastisch, die geradetrainierten Beinachsen entlasteten mein Arthroseknie, die verkrümmten mittleren Zehen begannen sich auszustrecken.

Ich fand eine innere Ordnung, die mir langsam den Weg wies zu einem organischen, natürlichen Gleichgewicht.

Hier geht es nicht um die göttliche -sondern um die vivatomische Neuordnung des Körpers. Mit Gott habe ich es eh nicht so. Aber Benita Cantienis Prinzipien der Vivatomie® haben mir intuitiv sofort eingeleuchtet.

Und je mehr ich darüber lerne, desto faszinierter bin ich von dieser unglaublichen Abenteuerreise in die lebendige Körperwelt.

 

Sabine Reber, geboren 1970 in Bern, aufgewachsen in Biel, arbeitete als Redaktorin, Reporterin und Autorin für verschiedene Schweizer Zeitungen, bevor sie sich 1997 als freischaffende Schriftstellerin selbstständig machte. Seitdem hat sie Gedichtbände, Erzählungen, Reisebücher und Gartenbücher veröffentlicht und internationale Preise gewonnen. Als Chefredaktorin des «Drogistenstern» schreibt sie besonders gerne über Heilkräuter. 

In der Kolumne «Körperwärts» wagt sie sich auf neues Terrain: Statt Pflanzen erkundet sie Psoas, Beckenboden und Schulterblätter – mit derselben Neugier und Begeisterung, die sie seit Jahrzehnten in den Garten treibt.

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